Mittwoch, 23. Februar 2011

Großes leisten kann man nicht wirklich alleine – ein Plädoyer für Dankbarkeit zu Zeiten der Superstar-Mentalität

Es ist wohl ein Trugschluss, zu denken, dass man als Einzelperson im Stande sei, ganz Großes zu leisten. Die heutige Medienwelt vermittelt uns, dass wir Stars werden können, dass wir ganz besonders toll sein können und uns andere Menschen zujubeln könnten. Doch das ist ein trügerisches Bild, ein Bild, das unserem Ego sicherlich zusagt, aber meines Erachtens nach tatsächlich ein Irrtum ist.

(Date/Datum: 2010-02-06-15:14, Hits: 588) Ich habe mir überlegt, was wäre, wenn ein Erfinder einen Preis für seine Erfindung bekommen würde. Was würde ich an seiner Stelle in einer anlässlichen Festrede erwähnen? Was wäre wirklich richtig und was wäre irrtümlich und verblendet?

Zum Einen kommt mir dabei der Gedanke, dass es einen Preis doch nur geben sollte, wenn ein Grund dazu besteht, einen Preis zu verleihen. Ein Grund besteht vielleicht bei einer interessanten Entdeckung, die die Fachwelt entzückt, aber eine wirklich große Entdeckung ist sie nur, wenn andere Menschen davon einen Nutzen haben. Nehmen wir an, jemand würde das Fernsehen erfinden und es würde niemand einen Nutzen dafür entdecken. Was wäre diese Erfindung dann wert, wenn sie brach liegen würde? Erst wenn Fernsehwerke entstünden und TV-Geräte gebaut werden würden, wenn Sendestationen entstehen und senden würden und viele Menschen TV-Geräte kaufen und sinnvoll nutzen könnten, dann wäre diese Erfindung wirklich etwas wert. Verleiht man dann einen Preis, sollte der Preis durchaus an den Erfinder gehen, aber ist er dann nicht Stellvertreter der gesamten Menschen, die in der Gegenwart einen Nutzen daraus ziehen und in Zukunft einen Nutzen daraus ziehen werden?

Zum Anderen kommt noch ein ebenso wichtiger Gedanke. Wie kann die Person in der Lage sein, etwas zu erfinden, OHNE andere Menschen? Das notwendige physikalische Wissen zur Erfindung eines Fernsehers kommt nicht von alleine und kein Mensch wird während seiner Lebenszeit alles dafür notwendige Wissen von Null an erforschen können. Er müsste in Wirklichkeit, wäre er ohne kollektives Wissen, bei Erfindungen wie dem Faustkeil beginnen. Also sollte der Erfinder des Fernsehens auch allen Menschen danken, die vor seiner Lebenszeit und während seiner Lebenszeit das notwendige Know-How erdacht und entwickelt haben. Das bezieht alle Lehrer und Lehrers-Lehrer, Professoren und deren Professoren etc. mit ein; ganz zu schweigen von den Unterstützern seiner Arbeit. Letztlich müssen wiederum auch die Lehrgebäude gebaut, die Bücher gedruckt und geschrieben werden etc. Wieder unzählige Einträge auf der Dankesliste (wer baut die LKWs, die die Steine, die von wem abgebaut wurden, zur Baustelle transportiert, und wer die Straßen, auf denen diese fahren?)

Weiterhin ist zur kreativen Arbeit ein persönliches Wohlbefinden und damit ein Umfeld, dass ein solches ermöglicht (am Arbeitsplatz und in der Familie/bei Freunden) notwendig. (Ein besonders interessantes Buch über den emotionalen Teil der Führung von Mitarbeitern ist übrigens [Goleman02].) Dazu sind Grundwerte notwendig, die über Jahrhunderte und Generationen in der Kultur entstanden sind. Für diese Grundwerte waren etwa Prozesse wie die Aufklärung notwendig, letztlich müssen sie aber durch das persönliche Umfeld jedem neuen Menschen – besonders durch die Eltern – vermittelt werden. Die Dankesliste wäre also erneut deutlich länger.

Sollten wir auch unseren Religionen dankbar sein? Wenn ja, dann aber nicht ausschließlich unserer eigenen, denn wir profitieren eben auch von fremden Kulturkreisen mit anderen Religionen (man denke an die Algebra aus dem islamischen und hinduistischen Raum und die ersten Astronomen aus ihren Regionen; oder auch an die frühen Ärzte aus Persien, die zu ihrer Zeit deutlich weiter waren, als unsere europäische Medizin (nachzulesen im Roman Der Medicus)). Die Kulturen haben sich ganz klar immer wieder gegenseitig stark beeinflusst.

Wir sollten das Bild „Ich bin ein potentieller RTL-Superstar" überdenken, da die „Superstars" ohne die Erfindung des Fernsehens und ohne Promotion einer Sendeanstalt und ohne unzählige verblendete Fans völlig unbekannt in ihrem Wohnort vielleicht weiter ihrer Metzger-Ausbildung folgen würden. Auch sie sind von unzähligen Zufällen, geschichtlichen Zusammenhängen und damit Menschen abhängig.

Weiterhin ist anzumerken, dass durch diese Vorgaben vielleicht(?) auch eine Schuld besteht, das Beste aus seinem Leben zu machen und eben doch zu versuchen, Großes (oder für das Kollektive nützliches) zu leisten (ob es nun klappt, oder nicht, sei dahingestellt). Es ist die Maxime, die zählt.

Sollte also irgendwann tatsächlich einmal ICH einen Preis für irgendwas bekommen, werde ich das bedenken. In Wirklichkeit kommt es jedoch nicht auf Preise, sondern darauf an, etwas wirklich nützliches zu tun. Über diese Erkenntnisse kann sich jeder Mensch freuen; außerdem macht uns Dankbarkeit zu glücklicheren Menschen, wie ich jüngst aus [Scobel10] gelernt habe.

Nicht als Links dargestellte Referenzen:
[Goleman02] Goleman, D., Boyatzis, R., McKee, A.: Emotionale Führung, Econ, 2002.
[Scobel10] 3Sat Scobel, Podcast vom 14. Januar zum Thema „Wege zum Glück". http://podfiles.zdf.de/podcast/3sat_podcasts/100114_glueck_scobel_p.mp3

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